Die elektronische Musik ‘Made in Germany’ hat eine faszinierende und vielschichtige Geschichte. Sie reicht von den experimentellen Klängen der frühen Nachkriegszeit bis zu den pulsierenden Beats der heutigen Clubszene. Dabei hat sie nicht nur die deutsche, sondern auch die globale Musiklandschaft entscheidend geprägt. Oft wird diese Geschichte mit dem Namen Kraftwerk begonnen, doch die Wurzeln und Verästelungen sind komplexer und reichen tiefer, als man zunächst vermuten mag.
Frühe Pioniere und das Kölner Studio
Ein entscheidender Ausgangspunkt für die Entwicklung der elektronischen Musik in Deutschland war das Studio für elektronische Musik des Westdeutschen Rundfunks (WDR) in Köln, gegründet 1951. In einer Zeit, als die Technik der Schallplatten noch auf eine einzige Tonspur beschränkt war, wagten sich Komponisten wie Karlheinz Stockhausen und Herbert Eimert an die Erschaffung von ‘Musik aus Strom’. Sie experimentierten mit völlig neuen Klangfarben, die bis dahin jenseits aller Vorstellungskraft lagen. Stockhausens ‘Gesang der Jünglinge’, in dem Knabenstimmen mit elektronischen Sinus-Tönen verschmelzen, ist ein eindrucksvolles Beispiel für die bahnbrechenden Werke, die hier entstanden. Das Kölner Studio zog internationale Größen der Komposition an, darunter Pierre Boulez und György Ligeti, die die einzigartigen technischen Möglichkeiten des Studios nutzten. Noch heute kann man das Studio digital besuchen und seine Bedeutung nachempfinden.
Karlheinz Stockhausens Einfluss
Karlheinz Stockhausen, Leiter des Kölner Studios von 1963 bis 1989, war ein Visionär. Seine Experimentierfreude und die Verbindung traditioneller Kompositionstechniken mit den Möglichkeiten der Synthesizer-Technologie waren wegweisend. Er beeinflusste nicht nur die akademische Musikwelt, sondern auch Bands wie Kraftwerk, die seine Ideen in eine zugänglichere Form brachten. Stockhausens Einfluss zeigt sich in Kraftwerks Einsatz repetitiver Elemente und Klangtexturen, die direkt von Stockhausens Kompositionstechniken inspiriert waren.
Kraftwerk und die industrielle Volksmusik
In den 1970er Jahren betrat Kraftwerk aus Düsseldorf die Bühne. Die Band, gegründet von Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben, entsprang der Krautrock-Szene, ging aber musikalisch eigene Wege. Ihr selbstbezeichneter Stil, die ‘Industrielle Volksmusik’, verband einfache Melodien mit futuristischen Klängen. Das Album ‘Autobahn’ (1974) markierte einen Wendepunkt. Es etablierte den typischen elektronischen Sound von Kraftwerk, inklusive des monotonen Gesangsstils, und erreichte die US-Billboard-Charts. Ihre Musik wurde ein wichtiger Einfluss für die Entwicklung von Genres wie Electro-Pop, Hip-Hop und Techno. Britische Bands wie Joy Division, New Order und Depeche Mode wurden hörbar von Kraftwerk inspiriert.
‘Die Mensch-Maschine’ und ihr Vermächtnis
Das 1978 erschienene Album ‘Die Mensch-Maschine’ ist ein weiterer Meilenstein. Der Song ‘Das Model’ wurde weltweit bekannt. Das Album war seiner Zeit weit voraus und setzte Maßstäbe für die elektronische Musik der frühen 1980er Jahre. Kraftwerks Einfluss ging über die Musik hinaus: Ihr Bühnenoutfit – Anzug und Krawatte – wurde von Bands wie Tubeway Army kopiert, und die Anordnung ihrer Synthesizer inspirierte Depeche Mode. Kraftwerk wurde zum Gesamtkunstwerk. Bis heute ist ihr Einfluss spürbar, wie die Verwendung des Titels ‘Die Mensch-Maschine’ durch Sascha Lobo zeigt. Das 50-jährige Jubiläum von ‘Autobahn’ verdeutlicht die Bedeutung dieses Albums.
Krautrock und weitere Pioniere
Neben Kraftwerk gab es in Deutschland eine lebendige Szene von Bands, die oft unter dem Begriff ‘Krautrock’ zusammengefasst werden. Tangerine Dream feierte mit Alben wie ‘Phaedra’ vor allem in England Erfolge und wurde durch Filmmusik, etwa für Ridley Scotts ‘Legend’, bekannt. Can aus Köln ging einen experimentelleren Weg und beeinflusste zahlreiche internationale Künstler, darunter The Fall und Kanye West. Klaus Schulze, der seine Karriere bei Tangerine Dream begann, wurde zu einem Pionier der elektronischen Musik. Diese Bands waren oft im Ausland erfolgreicher als in Deutschland. Conny Plank, ein einflussreicher Musikproduzent der Krautrock-Ära, produzierte das Debütalbum von Neu!, einer Band, die von ehemaligen Kraftwerk-Mitgliedern gegründet wurde. Plank arbeitete auch mit Kraftwerk zusammen.
Techno: Von Detroit nach Berlin
Die Ursprünge in Detroit
In den 1980er Jahren entstand in Detroit, USA, der Techno-Sound, maßgeblich beeinflusst von Kraftwerk. Es ist entscheidend zu verstehen, dass Techno tief in der afroamerikanischen Musiktradition Detroits verwurzelt ist. Künstler wie Juan Atkins, Kevin Saunderson und Derrick May, bekannt als die ‘Belleville Three’, gelten als die wahren Gründungsväter des Techno. Sie schöpften aus Funk, Disco und House, die in der afroamerikanischen Community Detroits lebendig waren. Ihre Musik war auch eine Reaktion auf die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in Detroit. DeForrest Brown Jr. betont die Wurzeln des Techno in Detroit und spricht von ‘Schwarzer Geheimtechnologie’. Obwohl Kraftwerk, wie Brown Jr. bestätigt, ein Einfluss auf Juan Atkins war, bestätigt er auch, dass “Juan Atkins Techno erfand und er hatte Kraftwerk gehört, das war Teil der Formel”.
Berlin nach dem Mauerfall
Der Fall der Berliner Mauer 1989 war ein Katalysator. Die neu gewonnene Freiheit und die leerstehenden Gebäude boten den perfekten Raum für die Techno-Szene. Clubs wie der Tresor, das E-Werk und der Bunker wurden zu legendären Orten. Die Loveparade, die 1989 als kleine Demonstration begann, wuchs schnell zu einem Massenphänomen heran und wurde zum Symbol für Techno. Die Loveparade machte Techno einem breiten Publikum bekannt. Auch in Frankfurt entstand eine bedeutende Techno-Szene.
Techno als Massenphänomen und die Folgen der Loveparade
In den 1990er Jahren wurde Techno in Deutschland zum Massenphänomen. Großveranstaltungen wie die Loveparade und Mayday prägten eine ganze Generation. Das Unglück bei der Loveparade in Duisburg 2010, bei dem 21 Menschen starben, führte zum Ende der Veranstaltung in ihrer ursprünglichen Form. Dennoch blieb die Techno-Szene lebendig. In Berlin entstanden neue Technoparaden wie der ‘Zug der Liebe’ und ‘Rave the Planet’. Die Festival-Kultur, mit Veranstaltungen wie Nature One und SonneMondSterne, belegt die Popularität der elektronischen Musik.
Die DEGEM und die Förderung der elektronischen Musik
Neben Künstlern und Clubs spielten auch Organisationen eine wichtige Rolle. Die DEGEM, die Deutsche Gesellschaft für Elektroakustische Musik, setzt sich seit ihrer Gründung für die Förderung elektroakustischer Musik ein. Sie organisiert Tagungen, Kurse und Konzerte und gibt Publikationen und Tonträger heraus. Durch Initiativen wie das DEGEM Webradio (in Kooperation mit dem ZKM Karlsruhe) und Projekte wie die CD ‘Sonic Planet’ trägt die DEGEM zur Vitalität und Weiterentwicklung der elektronischen Musik bei.
Techno heute
Berghain und die internationale Szene
Auch nach der Jahrtausendwende hat sich die deutsche Techno-Szene weiterentwickelt. Clubs wie das Berghain in Berlin genießen weltweiten Ruf. Festivals wie Time Warp und Awakenings ziehen Besucher an. Neue Künstlerinnen und Künstler haben die Szene bereichert.
Wirtschaftliche Bedeutung
Die wirtschaftliche Bedeutung der elektronischen Musik in Deutschland ist nicht zu unterschätzen. Die Club- und Festivalbranche generiert erhebliche Umsätze, schafft Arbeitsplätze und trägt zum Image Deutschlands als kreativer Standort bei.
Frauen in der elektronischen Musik
Obwohl die Szene lange von Männern dominiert wurde, spielen Frauen heute eine immer wichtigere Rolle. DJanes, Produzentinnen und Veranstalterinnen haben sich ihren Platz erkämpft und tragen zur Vielfalt und Weiterentwicklung bei.
Mehr als Musik
Die Entwicklung der elektronischen Musik in Deutschland ist mehr als nur eine Musikgeschichte. Sie spiegelt gesellschaftliche Umbrüche, kulturelle Innovationen und die Faszination für elektronische Klänge wider. Von den Anfängen im Kölner Studio über Kraftwerks ‘Industrielle Volksmusik’ bis zur heutigen Techno-Szene – elektronische Musik aus Deutschland hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Ausstellungen wie ‘Electro. Von Kraftwerk bis Techno’ im Kunstpalast Düsseldorf zeigen die künstlerische Bandbreite. Die elektronische Musik ‘Made in Germany’ hat die Welt erobert.